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Potzblitzhagen (Deutschland), 5.3.10:

Griechenland, Inflation, Finanzkrise, alles Schnee von gestern. Die pünktliche Bahn, d.h. die bis aufs i-Pünktchen des Zuglaufschildes exakt im Maßstab 1:87 den Rheingold-Express besser als das 1:1-Original darstellende Modellbahn, bringt den lang erwarteten Aufschwung. Aggressive Verkaufsmethoden ihres wichtigsten Herstellers bewirken eine Besinnung deutscher Rentner auf gute deutsche Wertarbeit für die kleine heile Welt in den eigenen vier Wänden. Wer glaubt, Multimedia-Handys hätten die Ha-Null-Bahn aufs Abstellgleis gebracht, der irrt: Die kleinen Handys sind nur die Krönung der ganzen Bahnleidenschaften. Das Café erlebt einen ungeheuren Aufschwung durch Rentner, die bei Kaffee und Kuchen einander auf dem Handy-Bildschirm die Live-Übertragung von perfekt nach Fahrplan pünktlich durch ihre Wohnungen fahrenden vollen Zügen zeigen, aus deren Fenstern freudestrahlend die Ha-Null-Männchen und Ha-Null-Weibchen winken. Und wer nicht dort beim Rentnerstammtisch sitzt, ist wahrscheinlich zuhause noch mit dem Faller-Bausatz "Berliner Hauptbahnhof" beschäftigt, entweder, weil noch nicht alle 200.000 Bauteile zusammengeklebt sind, oder, weil das mit den runterfallenden Stahlträgern noch nicht klappt. Und wenn es dann klappt, wird wieder eine neue Web-Cam installiert, um den Gag zum nächsten Stammtisch live zu übertragen.

Die "Generation Rente", d.h. die heutige Rentner-Generation, die noch so etwas wie Rente bekommt, lebt den deutschen Perfektionismus gnadenlos aus - nichts wird vererbt, alles in die Anlage gesteckt. Die "Generation Rente" hat einfach genug von sogenannten "Geld-Anlagen", nein, in die Eisenbahnanlage wird alles reingesteckt, was von Telekom-Aktien, offenen Immobilienfonds, Lebensversicherungen und unter der Matratze noch an Geld übrig ist. Kleine Welten entstehen, Plastikbaum an Plastikbaum liebevoll zu deutschem Kunstwald zusammengesteckt auf Flächen, die wenn es irgend geht ganze Hausetagen einnehmen. Wann immer noch eine Erbschaft anfällt oder eine Lebensversicherung ausgezahlt wird, wird bisweilen der Zukauf eines weiteren Hauses erwogen oder gar getätigt, um die nächste kleine Welt aufzustellen. Sprich: Für den Aufschwung ist in Deutschland gesorgt. Die Eisenbahn-Konjunktur belebt den Häusermarkt, der in anderen Ländern wegen der Finanzkrise zusammengebrochen ist. Ganze Reihenhaussiedlungen werden bisweilen nur noch von einer einzigen großen Ha-Null-Anlage bevölkert, und ihr Betreiber sitzt am Ballermann und besäuft sich, weil ihm gerade seine Urlaubsbekanntschaft auf ihrem Handy eine noch prächtigere, größere und realistischere Bahnanlage präsentiert hat, bei der sogar die Ha-Null-Katastrophenseelsorger sogleich per Ha-Null-Hubschrauber eingeflogen werden, wenn wieder ein Ha-Null-Männchen dem Realitätsnachbildungsperfektionismus seines Besitzers nicht entspricht und sich vor Gram vor den Zug wirft. Und dabei muss nicht nur der geschockte Ha-Null-Lokführer betreut werden, nein, auch für den Besitzer der Anlage kommt sogleich ein Hubschrauber an den Ballermann, der ihn im Noteinsatz nachhause bringt, damit er den bei dem Vorfall entgleisten Zug wieder aufs Gleis stellen und sich bei den Ha-Null-Männlein und Ha-Null-Fräulein höflichst und pflichtschuldigst für die entstandenen Verspätungen entschuldigen kann.

In Schwaben ist die neue Eisenbahnleidenschaft bereits am weitesten fortgeschritten. Kommt man in eine schwäbische Wohnung, sieht man zwar weit und breit nichts von einer Modelleisenbahnanlage, aber der Hausherr wird dem Gast begeistert erzählen von seinem in jahrelanger liebevoller Detailarbeit originalgetreu selbstgebauten Modell des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofes, des unterirdischen ;-)

Quellen Bearbeiten