Deutscher Fernsehkrimi

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Krimicollage

Die sind Deutschland. Jedenfalls für die Fernsehzuschauer in aller Welt.

„Harry, fahr schonmal den Wagen vor.“

~ Meist gehörter, tatsächlich aber nie gesprochener Satz in deutschen Fernsehkrimis

Der deutsche Fernsehkrimi ist seit Jahrzehnten eines der Hauptexportprodukte Deutschlands. Er bildet das Leben, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Verhaltensmuster und die kriminelle Energie des durchschnittlichen Deutschen realitätsnah ab. Millionen von Menschen in aller Welt lernen durch ihn den typischen Deutschen kennen und schätzen. Und für viele einheimische Fernsehzuschauer ist er Anleitung und moralische Richtschnur für das ganze Leben.

[Bearbeiten] Produktion

[Bearbeiten] Hersteller

Ein Fernsehkrimi wird in Deutschland üblicherweise von einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt (ARD oder ZDF) produziert. Privatsender kaufen ihre Fernsehkrimis hingegen meist bei Ramschhändlern in den USA. Wenn sie tatsächlich einmal etwas selbst produzieren, dann wirkt es so, als hätten sie es doch bei einem Ramschhändler in den USA gekauft; zumindest für das Drehbuch trifft dies in der Regel auch zu.

Im öffentlich-rechtlichen Bereich ist die Krimiproduktion hingegen einer strikten staatlichen Qualitätskontrolle unterworfen, ähnlich wie das Gesundheitswesen oder die Atomaufsicht. Wegen seiner überragenden bildungspolitischen Bedeutung werden die Drehbücher für den deutschen Fernsehkrimi nur von einer ganz kleinen Riege auserwählter, hochspezialisierter Drehbuchautoren verfasst. Hierdurch ist sichergestellt, dass der Zuschauer mit gleichbleibend hoher Krimiqualität beliefert wird. Nur ganz bestimmte Handlungsmuster für einen Krimi sind zulässig; diese wenigen bewährten Storylines werden von den erfahrenen Autoren immer wieder behutsam abgewandelt, um den sensiblen Konsumenten nicht zu überfordern.

[Bearbeiten] Ermittler

Das Hauptelement eines Fernsehkrimis sind die Ermittler-Persönlichkeiten. Der Ermittler ist üblicherweise ein Polizeikommissar, aber es kann sich auch um einen Privatdetektiv, Anwalt, Psychologen, Gerichtsmediziner oder rüstigen Rentner handeln. Um einen Ermittler zu spielen, muss ein Schauspieler ein besonderes Maß an Durchschnittlichkeit mitbringen. Ein Ermittler muss natürlich gewisse Grundfertigkeiten besitzen, etwa eine bestimmte Menschenkenntnis, Kombinationsgabe sowie Beharrlichkeit und körperliche Fitness. Er darf aber nicht zu intelligent oder einfühlsam sein, sonst ist der Fall zu schnell gelöst und noch zu viel Sendezeit übrig. Als überraschende Wendung ist es im Krimi auch oft erforderlich, dass der Ermittler in die Irre läuft oder auch mal eins übergezogen bekommt. Ein bisschen dämlich muss er also sein.

Das wichtigste Ermittlungswerkzeug des Fernsehermittlers ist die Kamera. Das wertvolle Stück liefert unschätzbare Erkenntnisse sowohl am Set wie auch bei der Überwachung von Tatorten mittels Video, weil der Täter meistens noch mal zurückkommt um sich seine vergessene Tatwaffe zu holen.

Neben dem primären Ermittler oder Ermittlerteam wird zusätzlich oft die Rolle eines Assi vergeben. Der Assi ist der Prügelknabe des Ermittlers, wenn es mal nicht so gut läuft. Er ist oft intelligenter als der Ermittler selbst, darf es aber nicht zeigen. Stattdessen muss er die Laufarbeit machen, an Haustüren klingeln, nach Verdächtigen googeln, die Ergebnisse dem Ermittler liefern und diesen dann für seine messerscharfen Schlussfolgerungen bewundern.

Semmelrogge

Klassische Verbrechervisagen wie diese sind für den deutschen Fernsehkrimi unentbehrlich. Natürlich ist er unschuldig.

[Bearbeiten] Übliche Verdächtige

Eine kleine Gruppe deutscher Schauspieler hat sich darauf spezialisiert, im deutschen Fernsehkrimi in wechselnder Zusammensetzung die Verdächtigen zu mimen. Es handelt sich nur um wenige Dutzend Künstler, die vollkommen ausreichen, das gesamte Spektrum in Deutschland vorkommender Charaktere abzudecken. Für den Zuschauer spielt dabei der Wiedererkennungseffekt eine Rolle. Trotzdem ermöglicht diese Konstellation eine Menge Überraschungen. Wer heute die Leiche abgeben musste, kann morgen schon der Täter sein und übermorgen ein vollkommen zu Unrecht verdächtigter Unschuldiger.

Ein besonderes Paradoxon, das in der Fernseh-Unterwelt zutage tritt, ist das mangelnde Fachwissen, ja die Naivität der Täter bei der Ausübung von Verbrechen. Es ist erschreckend. Jedes Kind weiß heute besser, dass Geiselnahmen an der Lösegeldübergabe scheitern und Fernsehtäter dumm sind. Nicht so der Fernsehgangster. Er kennt die Glotze noch nicht mal aus der Zeitung.

Manchmal treten unangenehme Nebeneffekte auf, wenn zum Beispiel ein besonders gefährlicher Serienkiller in die Lindenstraße einbiegt, in einer Familienkomödie oder in einem Liebesdrama mitspielt. Der Zuschauer zittert dann um das Leben einer Hauptdarstellerin, dabei will unser üblicher Verdächtiger sie doch nur abschleppen und ganz normal mit ihr in die Kiste hüpfen wie jeder andere auch.

[Bearbeiten] Aufbau eines deutschen Fernsehkrimis

[Bearbeiten] Ablaufschema

Der Ablauf eines Fernsehkrimis ist von der Sendezeit vorgegeben. Ein Fernsehkrimi dauert 45, 60 oder 90 Minuten; die einzelnen Phasen müssen also entsprechend ausgedehnt oder komprimiert werden.

[Bearbeiten] Phase 1: Das Verbrechen

Im ersten Drittel der Sendezeit muss mindestens eine Leiche anfallen. Oft beginnt der Krimi bereits damit, dass ein nichtsahnender Jogger über einen erkalteten Körper stolpert. In anderen Fällen verbringt der Zuschauer zunächst einige Minuten mit dem noch lebenden zukünftigen Opfer, um es näher kennenzulernen. Hierbei wird dann schnell erkennbar, dass der Betreffende ein unausstehliches Arschloch ist und mindestens ein Dutzend Leute einen prima Grund haben, ihm nach dem Leben zu trachten; selbst der Zuschauer verspürt den Drang, dieses Subjekt vom Leben zum Tode zu befördern. Dann darf man sich eventuell noch am entsetzten Blick des Opfers weiden, auf das ein Unbekannter seine Waffe gerichtet hat. Und dann kracht's.

Damit ist der erste Höhepunkt des Krimis erreicht. Nun erscheinen die Ermittler sowie Spurensicherer und Putzkräfte am Tatort und beginnen mit ihrer Arbeit.

Elsner

Auch Frauen dürfen im deutschen Fernsehen gelegentlich ermitteln. Sie genießen dabei den Vorteil, niemals von hinten niedergeschlagen zu werden, wie es einem männlichen Ermittler jederzeit passieren kann.

[Bearbeiten] Phase 2: Das Umfeld

Im mittleren Teil unseres Krimis nimmt sich nun der Ermittler das Adressbuch des Opfers vor und geht die einzelnen Personen durch. Jeder ist grundsätzlich verdächtig, falls er nicht gerade beim Fernsehen arbeitet. Im Grunde ist die Ermittlungsarbeit recht einfach: alle Verdächtigen müssen zunächst einmal ihre Alibis vorlegen. Da die Verdächtigen zur Tatzeit aber allesamt allein waren, einsam irgendwo im Wald spazierengingen oder zu Hause fernsahen, hat natürlich keiner ein Alibi.

Dann muss nach dem Motiv für die Tat gesucht werden. Wie bereits in Phase 1 klargestellt, hat jeder ein Motiv, weil das Opfer ein abscheulicher Mensch war. Trotzdem bekommt natürlich jeder Verdächtige fairerweise die Gelegenheit zu erklären, warum gerade er in Wirklichkeit doch kein Motiv hat. Natürlich sind alle diese Erklärungen ziemlich unglaubwürdig und machen die Verdächtigen nur noch verdächtiger.

Am Ende dieser Phase steht der Ermittler im Grunde an der gleichen Stelle wie am Anfang, er hat eine Liste von mehr oder weniger gleichermaßen verdächtigen Personen. Aber nun rücken die Tagesthemen oder das Heute-Journal langsam näher, so dass allmählich Taten gefragt sind.

[Bearbeiten] Phase 3: Der Hinterhalt

Zu Beginn von Phase 3 wird daher erstmal jemand festgenommen. Dadurch wird klar, dass eine Person in jedem Fall unschuldig ist, denn ein bisschen Zeit ist ja noch. Die dröge Handlung gewinnt jetzt an Tempo, und sei es nur durch die gesteigerte Anzahl an Schnitten. Der Festgenommene und der Ermittler sitzen sich im Verhörraum gegenüber und tragen ein Psychoduell aus. Der Verdächtige gewinnt natürlich haushoch und muss daraufhin wieder freigelassen werden. Allen außer dem Täter ist nun klar, dass er im weiteren Verlauf der Handlung aus der Reserve gelockt wird.

Dieses Verfahren wird nun nach dem Zufallsprinzip mit allen anderen Verdächtigen durchgeführt. Einige der Verdächtigen entziehen sich natürlich der Verhaftung, so dass zwischendurch unterhaltsame Verfolgungsjagden zu Fuß oder im Auto veranstaltet werden können. Insbesondere die Unschuldigen geben sich oft besondere Mühe, dem Zugriff des Gesetzes zu entwischen. Für alle Beteiligten kommt es jetzt auf das richtige Timing an, denn wer gegen Ende der Sendezeit im Verhörraum sitzt, war der Täter und wird durch irgendein blödsinniges Detail überführt. Oft ist es ein simpler Versprecher, der das verräterische Täterwissen offenbart, manchmal führt er Kommissar Zufall zur versteckten Beute. Das kann ganz plötzlich sein. Über das niedergeschlagene Gesicht des überführten Mörders wird dann der Abspann geblendet und noch ein bisschen dramatische Schlussmusik gedudelt.

Martinek

Wir wussten es gleich, dass er der Mörder war. War er doch beim letzten Mal auch.

[Bearbeiten] Varianten

Manche Zuschauer sind der Ansicht, es müsse nicht immer Mord sein. Das ist natürlich Unsinn. Nur ein ausgewachsener Mord lohnt eine Ermittlung von 45 Minuten oder mehr. Um für jeden Geschmack etwas zu bieten, wird manchmal auch eine Entführung veranstaltet; insbesondere Kindesentführungen sind recht beliebt. Es kann auch vorkommen, dass ein Mordopfer die Tat zunächst überlebt und bewusstlos im Krankenhaus liegt; wichtig ist in jedem Fall, dass das Opfer nicht mehr reden kann, sonst wäre die Ermittlung wirklich zu einfach.

[Bearbeiten] Prinzipien der Verbrechensaufklärung

Dank der zahlreichen Fernsehkrimis ist der durchschnittliche deutsche Fernsehzuschauer inzwischen problemlos in der Lage, jedes handelsübliche Kapitalverbrechen selbst aufzuklären. Die simpelste Taktik ist es beispielweise, den Verdächtigen in Widersprüche zu verwickeln. Denn der Mörder muss zwangsläufig lügen, wenn er verhört wird, alle Unschuldigen könnten ja einfach die Wahrheit sagen. Wenn man also jemanden der Lüge überführen kann, dann hat man ihn am Schlafittchen.

Allerdings stellt sich im Laufe der Ermittlungen nicht selten heraus, dass Menschen oft auch dann lügen, wenn sie gar keinen Mord begangen haben. Die allermeisten Menschen haben Heimlichkeiten oder irgendwie Dreck am Stecken: sie waren zur Tatzeit gerade heimlich putzen, oder sie vergessen wo das falsch geparkte Auto steht oder waren im Puff oder haben sich heimlich Fett absaugen lassen oder die falsche Partei gewählt. Weil ihnen dies nun peinlich ist, verheimlichen sie diese Fehltritte vor dem Ermittler und erzählen ihm irgendetwas vom Pferd.

Der Ermittler muss daher streng sein. Er muss laut und vernehmlich erklären: „Es geht um Mord!“ und auf diese Weise seine deutliche moralische Überlegenheit etablieren. Und da es um Mord geht, müssen die Peinlichkeiten und Fehltritte des unschuldig Verdächtigten genüsslich ans Tageslicht gezerrt und seziert werden. Das ist oft spannender und lustiger als die eigentliche Mörderjagd, und der Zuschauer kann sich gemeinsam mit dem Ermittler an seiner moralischen Überlegenheit erfreuen.

[Bearbeiten] Die Klassiker des deutschen Fernsehkrimis

Deutsche Krimiserien sind extrem langlebig. Nach etwa 20 Jahren beginnen die Ermittler, die alten Fälle nochmal zu lösen, weil inzwischen eine neue Generation von Fernsehzuschauern herangewachsen ist, die noch nicht weiß, wer der Mörder war.

DerKommissar

Zu Zeiten des „Kommissar“ wurde der Vorspann noch mit der Hand gemalt.

[Bearbeiten] Der Kommissar

Der von Erik Ode verkörperte Kommissar Keller war der Grandsegnieur unter den deutschen Ermittlern. Er war so cool und abgeklärt, dass man ihn in Farbe gar nicht ertragen hätte. Und er hatte es die ganze Zeit mit Halbstarken und 68ern und Hippies zu tun, die ihren gutbürgerlichen Altvorderen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre auf der Nase herumtanzten. Dabei wollten die spießbürgerlichen Eltern in ihren hässlich-modernen Wohlstandsdomizilen in irgendwelchen Münchner Vororten doch nur in Ruhe ihren niederen Gelüsten nachgehen.

In jeder zweiten Folge des Kommissar stieg irgendein verheirateter alter Knacker (oder auch mal mehrere) irgendeiner schnuckeligen jungen Studentin hinterher, was dann zu Mord und Totschlag führte. Kommissar Keller hatte anschließend das Vergnügen, sich mit den Nachbarn über den unmoralischen Lebenswandel aller Beteiligten das Maul zu zerreißen und ihnen dabei die Bude vollzuqualmen, denn damals war man geradezu verpflichtet zu rauchen, wenn man irgendwo zu Besuch war. Verdächtige wurden mit Whisky oder mit anderen Drinks abgefüllt.

Der Kommissar hatte gleich drei Assis, manchmal auch mehr. Einen zum Kaffee kochen (Rehbein), die anderen für die Mutter der Dialoge (Was hat er gesagt? Er sagte... Sie sagte... Er/Sie/Es sagten; Rehbein, Kaffee kochen!). Besonders wichtige Hausbesuche wurden dann auch zu viert erledigt. Da es zu seiner Zeit noch kein Internet gab, in dem man nach einfachsten Dingen wie alten Freunden und Klassenkameraden suchen konnte, waren die Assis jedoch meistens mit dem Durchblättern von Telefonbüchern und Akten beschäftigt. Immerhin verfügte er schon damals über ein Handy; dieses war allerdings über ein Spiralkabel mit der Autobatterie verbunden.

Tipp Der Name Stefan Derrick gab der Kritik lange Zeit Rätsel auf, aber die Uncyclopedia konnte den Code schließlich knacken: Es handelt sich um ein Anagramm von Sanfter Dicker. Leider wusste Horst Tappert dies nicht und konnte die Rolle deshalb auch nicht entsprechend spielen.

[Bearbeiten] Derrick

Da ein ausgewachsener Kommissar das ZDF auf die Dauer zu teuer kam, wurde er nach einiger Zeit von Oberinspektor Derrick abgelöst. Derrick bekam nur einen Assi, aber immerhin durfte er sich diesen beim Kommissar aussuchen. Er wählte Harry Klein, den blassesten von allen, und aus diesem Grund musste die Serie nun in Farbe gedreht werden, sonst hätte man Harry möglicherweise ganz übersehen. Zum Glück stand gerade eine Fußball-WM an und alle Leute kauften wie verrückt Farbfernseher, um die unterschiedlichen Grassorten der Stadien vergleichen zu können.

Derrick musste einen eigenen Stil entwickeln, da Deutschland in den 70er Jahren von einer Krise in die nächste taumelte. Als erstes musste ein standesgemäßer Dienstwagen her: Ein BMW. Leider waren aufgrund der hohen Inflation die Preise für Dialoge ins Unermessliche gestiegen, so dass man mit so wenigen Worten wie möglich auskommen musste. Oft wurden die gleichen Worte aus Spargründen mehrmals wiederholt. Dafür kam die Kunst der Pantomime in jedem Derrick zu immer neuen Ehren. Ein Schauspieler musste in der Lage sein, einen Satz wie „Ich habe inzwischen erfahren, dass du gar nicht mein Vater bist, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, mir die Freundin auszuspannen. Sobald dein Testament geändert ist, bist du fällig“ nur mit einem einzigen langen Blick, völlig ohne Worte, auszudrücken.

Derrick hielt extrem lange durch und wurde zum Inbegriff des deutschen Musterbeamten, ja des Deutschen überhaupt. Er überstand mehrere Ölkrisen, den deutschen Herbst, den Kalten Krieg, den Mauerfall, und sogar Helmut Kohl, jedenfalls fast. Derrick war eine Art Zeitmaschine, mit der man jederzeit in die 70er Jahre zurückkehren konnte. Nichts änderte sich, selbst der Schreibtisch stand immer an der gleichen Stelle. Seine Augen machten auf Dauer nicht mit, von den vielen bedeutungsschweren Blicken bekam er irgendwann eine schwere Hornhautverkrümmung und musste mit riesigen Glasbausteinen vor den Augen herumlaufen, was den hypnotischen Effekt aber nur noch verstärkte. In den Spätfolgen der 80er Jahre ließ dann auch seine Beweglichkeit nach. Verdächtige werden zu Derrick gebracht oder vorgeladen. Gegen Ende der Fernsehreihe bewegt sich der Held überhaupt nicht mehr.

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Horst Schimanski ist nicht nur der wahre Heino unter den Krimidarstellern, sondern der erste Mensch, der vor Gebührenzahlern laut Scheiße schreien durfte und deshalb öfter mal ein Halsbonbon brauchte.

[Bearbeiten] Tatort

Den Ermittlern vom ZDF hatte die ARD eigentlich nie etwas entgegenzusetzen. Während Kommissar Keller und Derrick ihre Fälle routinemäßig in maximal 60 Minuten restlos aufklärten, benötigen die Dilettanten vom Tatort immer volle 90 Minuten. Das liegt allerdings auch daran, dass sie vom Sender verpflichtet sind, dem Zuschauer in jeder Folge auch ein bisschen die Stadt zu zeigen und mit irgendeinem ortsansässigen Original ein bisschen Mundart zu sprechen.

Denn beim Tatort kam und kommt es auf die Location an. Jede der beteiligten Fernsehanstalten ist bestrebt zu demonstrieren, dass in ihrem Sendegebiet anders gemordet wird als anderswo. Weil dies mehr Arbeit macht, treten die Ermittler im Tatort häufiger im Zweierteam auf - einer klärt den Fall und der andere erledigt die Stadtführung. Diese Partner sind mehr oder weniger gleichberechtigt, als Prügelknabe steht meist noch ein zusätzlicher Assi zur Verfügung.

Da die Drehbuchschreiber des Tatort trotz der unterschiedlichen Drehorte alle auf die gleiche Schreibschule gegangen sind, treten bestimmte Muster in diesen Ermittlerpartnerschaften immer wieder auf. Wenn zwei Ermittler über mehr als zwei oder drei Folgen zusammenarbeiten, dann führt das mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, dass sie zusammen in eine Wohnung ziehen. Bei Licht betrachtet ist dies auch durchaus realistisch, denn ein reelles Privat- oder Familienleben ist für den typischen soziopathischen Kriminalbeamten ohnehin nicht möglich. Also bilden z. B. Stoever und Brockmöller, Odenthal und Kopper, Dellwo und Sänger, Thiel und Boerne, Schimanski und Thanner zeitweise oder auf Dauer eine Wohn- oder Hausgemeinschaft. Diese Idee ist immer wieder ein Brüller, und die Fans warten bereits darauf, dass auch Borowski mit seiner Psychologin Jung zusammenzieht, Ballauf bei Schenk eins der Kinderzimmer übernimmt oder Stedefreund sich bei Lürsen im Souterrain einnistet. Nur für Batic und Leitmayr ist es inzwischen wohl zu spät, aber man weiß ja nie.

In den wenigen Fällen, in denen einer der Ermittler tatsächlich eine Familie hat, handelt es sich üblicherweise um zerrüttete Verhältnisse. Lürsen und Castorff haben bzw. hatten mehr oder weniger erwachsene Kinder, und wenn man so etwas schon einbaut, dann muss es sich auch lohnen, daher ist der Nachwuchs in fast jeden Fall persönlich verwickelt. Manche Verbrechen hätten bei erfolgreicherer Erziehung wahrscheinlich komplett verhindert werden können.

Im übrigen lernen wir vom Tatort vor allem, dass nicht nur unsere vorhandenen Vorurteile über eine Stadt oder einen Landstrich vollkommen zutreffen, sondern dass auch zahlreiche weitere Klischees gültig sind, die wir noch gar nicht kannten. So ist zum Beispiel klar, dass in Kiel massenhaft durchgeknallte Psychowracks herumlaufen und herummorden, sonst bräuchte Kiel ja keine Psychologin im Ermittlerteam. In Bremen hingegen wird üblicherweise von Neonazis und deprimierten Arbeitslosen gemordet. München stellt einen Sonderfall dar, denn die Mordfälle in der besseren Gesellschaft, die dort eigentlich vorherrschen, werden bereits von mehreren ZDF-Ermittlerteams abgedeckt, so dass für Batic und Leitmayr nur die besonders skurrilen Fälle übrigbleiben, an die sich die zugeknöpften ZDF-Kriminalisten nicht herantrauen.

Mit dem Polizeiruf 110 erfand die DDR eine gelungene Parodie auf den Tatort, die heute neben dem Ampelmännchen das einzige verbliebene DDR-Kulturgut darstellt.

[Bearbeiten] Der Alte

Als Reaktion auf die alternde Gesellschaft und insbesondere auf das rapide alternde eigene Publikum schuf das ZDF kurz nach Derrick auch noch Der Alte. Hierfür übernahm man zahlreiche Konzepte und Fälle komplett von Derrick, denn die Gefahr, dass das senile Publikum die Überschneidungen bemerkte, war relativ gering. In manchen Szenen des Alten kann man bei genauerem Hinsehen noch Harry Klein mit dem Wagen wegfahren sehen, dies war aufgrund der knappen Budgets und der gemeinsam genutzten Münchner Kulissen oft unvermeidlich. Immerhin, wenn die Wände grün getüncht und die zahlreichen Assis mit dem Schreiben von Protokollen beschäftigt waren, konnte der Zuschauer sicher sein, dass er jetzt beim Alten gelandet war.

Erstaunlicherweise hielt und hält der Alte sogar noch länger durch als Derrick, was natürlich auch daran liegt, dass die meisten der beteiligten Rollen immer wieder neu besetzt wurden, ohne dass der Zuschauer dies bemerkt hätte. Dies gilt nicht nur für den beim Alten erstmals eingeführten Quoten-Neger, sondern auch für den ermittelnden Kommissar selbst, was allerdings kein großes Wunder ist, denn Kommissare sehen ja irgendwie alle gleich aus.

EinFallFuerZwei

Ein Fall für das Zweite: Josef Matula verschleißt mehr Anwälte als die gesamte Frankfurter Mafia.

[Bearbeiten] Ein Fall für zwei

Wenn man dem ZDF glauben darf, ist München in Deutschland die Hauptstadt des Verbrechens, deshalb sind dort auch immer mehrere Ermittlerteams im Einsatz. In Frankfurt am Main hingegen geht es bedeutend friedlicher zu; außerdem sind die wenigen Verbrecher, die es dort gibt, ohnehin unschuldig. Aus diesem Grund benötigt man in Frankfurt auch keine Polizei, sondern einen guten Anwalt. Und ein Anwalt, der auf sich hält, beschäftigt stets auch einen kernigen Privatdetektiv, denn selbst die popeligste Scheidungssache ist immer ein Fall für zwei.

Bei Ein Fall für zwei gelten grundsätzlich leicht abweichende Regeln im Vergleich zu den üblichen Fernsehkrimis. Weil die Frankfurter Polizei komplett imkompetent ist, wurde die Verbrechensaufklärung in der Stadt privatisiert und wird ausschließlich von Anwälten und Privatdetektiven durchgeführt - eine Innovation, die auch für andere Städte interessant sein könnte und ansatzweise auch von der Stadt Münster erprobt wird. Wird in Frankfurt ein Kapitalverbrechen begangen, so ist der erste Tatverdächtige, der es schafft, sich einen Anwalt zu nehmen, automatisch unschuldig. Wer also mit dem Anwalt Tennis spielt oder ihn anderweitig schon gesellschaftlich kennengelernt hat, ist klar im Vorteil. Der Anwalt hat mit seinem Hausdetektiv dann die Aufgabe, die Tat jemand anderem in die Schuhe zu schieben.

Zu diesem Zweck lässt der Anwalt seine Beziehungen spielen, der Privatdetektiv hingegen muss in die Frankfurter Unterwelt abtauchen und einen geeigneten Zweitmörder ausfindig machen. Bei dieser Arbeit bekommt er öfter mal eins über den Schädel gezogen. Als Ausgleich dafür kann er aber immer wieder eine attraktive Zeugin in seine Junggesellenbude abschleppen, obwohl er eigentlich selber nicht mehr ganz taufrisch ist.

Die Unschuldigen in Ein Fall für Zwei haben allerdings einige typische Macken, mit denen sie ihrem Anwalt das Leben schwer machen. Sie lügen ihren Anwalt ständig an, so dass der neben seiner eigentlichen Arbeit, Richter und imkompetente Polizisten vollzulabern, auch noch laufend an seinem Mandanten herumerziehen muss. Viele dieser Mandanten sind dazu auch noch schwererziehbar und cholerisch, brechen aus der Untersuchungshaft aus oder drehen sonstwie durch, so dass der Zuschauer sich im Grunde wünscht, man solle den Kerl doch einfach einsperren und das Verfahren endlich abschließen, und wenn er hundertmal unschuldig ist.

[Bearbeiten] Literatur

  • Krisi: Der Bankräuberberuf als authentisch-wichtiges Thun des Klassenfeindes veranschaulicht am Fallbeispiel Bonnie. Bandes Dessinées Baba et Barberouche, ISBN 9-2349-3432-0



AdW
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